Die Gleichstellung der beiden Begriffe erscheint zynisch und ist es auch: Das Kapital sollte für die Bevölkerung da sein und nicht umgekehrt. Beide Phänomene sind jedoch vom Standpunkt unserer kapitalistisch organisierten Gesellschaft durchaus real: Während überschüssiges (vagabundierendes, nicht verwertbares) Kapital die Ursache für ständig wiederkehrende Krisen ist, werden immer größere Bevölkerungsteile durch Verkürzung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit (Automatisierung) "freigestellt". Diese Menschen erfüllen allenfalls noch ihren Sinn, als potentielle konkurrierende Arbeitskräfte die Löhne zu drücken und die Profitrate zu stabilisieren. Selbst für den Konsum, d. h. für die Realisierung des in der Ware enthaltenden Mehrwerts spielen sie keine Rolle mehr, da sie über kein relevantes Einkommen verfügen, sie sind "überflüssig. Die Zynik liegt im kapitalistischen Produktionsprozess selbst.
Mit Hilfe eines anderen Begriffs wird versucht, das drohende Szenario des Mangels dramatischer - aber nicht weniger zynisch - zu umschreiben: die "Bevölkerungsexplosion". Eine Explosion ist etwas Gewalttätiges, nicht Steuerbares. Diese Bedrohung soll hier offenbar von denen ausgehen, die sowieso "überflüssig" sind im Sinne der Produktion von Reichtum unter den gegenwärtigen Verhältnissen: von den Ärmsten der Armen. Eine makabre Umkehrung von Ursache und Wirkung.
So erscheint Europa als Region des Überflusses an Waren und Afrika als "überbevölkert".
Viele Menschen können auch viele, d.h. genügend "Lebensmittel" erzeugen, vorausgesetzt, ihnen stehen die Produktionsmittel zur Verfügung, die dem erreichten Entwicklungsstand entsprechen. Diese werden ihnen jedoch vorenthalten. Und nicht nur das: Der gewaltsame Enteignungsprozess der Mittel zur Produktion erreicht aktuell nie gekannte Ausmaße, wie die Vertreibung der Kleinbauern durch die Soja- und Biosprit-Latifundisten in Lateinamerika, die Proletarisierung der Viehzüchter in der Sahelzone durch die Überproduktion in der EU oder die Deprivation der Fischgründe an der westafrikanischen Küste zeigt. Die betroffenen Gemeinschaften können ihre Kinder nicht mehr ernähren. Diese stehen vor den Festungsmauern am Rio Grande und im spanischen Melilla und wollen sich verzweifelt zurückholen, was ihnen genommen wurde. Währenddessen sich die Politik diesseits der Mauer bemüht, mit Hilfe von Prämien aller Art dem demographischen Show-down Einhalt zu gebieten.
Karl Marx spricht in diesem Zusammenhang von "künstlicher" bzw. "relativer Überbevölkerung". Diese entsteht nicht durch ungezügelte Fortpflanzung, sondern dadurch, dass ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung von der Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt durch produktive Arbeit zu verdienen, ausgeschlossen wird. Der Grund hierfür ist, dass die für die Aufrechterhaltung des Produktionsprozesses notwendige durchschnittliche Arbeitszeit ständig sinkt. Der "Fortschrittsgewinn", d. h. die frei werdende Lebenszeit, wird nun nicht verteilt, sodass alle sowohl an der Arbeit, als auch an den damit verbundenen Möglichkeiten des Konsums gleichermaßen teilnehmen könnten, sondern endet in einer erhöhten Ausbeutung derjenigen, die noch Arbeit besitzen. "Es ist kein Widerspruch, dass diese Überproduktion (als Krise des Kapitals, E.H.) begleitet ist von einer mehr oder minder großen relativen Überbevölkerung. Dieselben Umstände, die die Produktivkraft der Arbeit erhöht, die Masse der Warenprodukte vermehrt, die Märkte ausgedehnt, die Akkumulation des Kapitals (...) beschleunigt und die Profitrate gesenkt (...) haben, haben eine relative Überbevölkerung erzeugt und erzeugen sie beständig, eine Überbevölkerung von Arbeitern, die vom überschüssigen Kapital nicht angewandt wird... (MEW25, S. 266).
"Überproduktion" wie auch "Überbevölkerung" sind Erscheinungen und Ausdruck kapitalistischer Produktionsweise. "Es werden (nicht zuviel sondern) zu wenig Lebensmittel produziert, um der Masse der Bevölkerung anständig und menschlich zu genügen. (...) Es werden nicht genug (Produktionsmittel) produziert, damit die ganze arbeitsfähige Bevölkerung unter den produktivsten Umständen arbeite, also ihre absolute Arbeitszeit verkürzt würde...(MEW25, S. 268). (Anmerkung: Verkürzung der Arbeitszeit heißt bei Marx nicht Müßiggang. Es ist die Befreiung von der "Notdurft" zur Erhaltung der bloßen Existenz, sie ist zugleich die Voraussetzung zur Ausbildung des "Neuen Menschen", des "allseitig gebildeten Menschen", die Möglichkeit der Teilhabe aller am kreativen Potential der gesellschaftlichen Arbeit. Die Realisierung dieser im Produktionsprozess innewohnende Möglichkeit bleibt Aufgabe der Politik.)
Marx hatte die kapitalistische Produktionsweise erstmals umfassend analysiert, die langfristigen Folgen konnte er nicht voraussehen. Mit der ökologischen Katastrophe, die der kapitalistischen Ausbeutung inhärent ist, hat der Diskurs über mögliche Alternativen eine neue Qualität erreicht. Eine Politik, deren Anspruch es ist, ihre ideologische Basis in einem ständigen Rückbezug zur Praxis – mit den betroffenen Menschen – zu entwickeln, kann diese neue Dimension nicht negieren. Der Druck auf die Tagespolitik wird steigen, auf Fehlentwicklungen im weltweiten Zusammenhang zu reagieren und Handlungsperspektiven zu entwickeln. Der exponentiale Anstieg der Weltbevölkerung kann in Zusammenhang mit CO2-Belastung, Verelendung ganzer Regionen und kommenden Katastrophenszenarien kein Tabuthema bleiben.
Marx musste angesichts der Verelendung und der prekären gesundheitlichen Bedingungen noch davon ausgehen, dass in einer "Prosperitätszeit" die "Dezimation der Nachkommenschaft (der Arbeiterfamilien) vermindert" würde (MEW S. 265). Anders ausgedrückt: bessere Lebensbedingungen würden den Kinderreichtum vermehren. Die Erfahrungen der letzten 150 Jahre besagen das Gegenteil: In Gesellschaften, die durch großen Mangel gekennzeichnet sind, wächst die Bevölkerung stärker. Lässt man einmal die Voraussetzungen für eine bewusste Familienplanung außer Betracht – die naturgemäß von einem geregelten Lebenslauf abhängig ist, der in prekären Situationen nicht möglich ist - werden oft wichtige psycho-soziale Gründe ignoriert, die in vielen Regionen der Welt zu Diskrepanzen zwischen Bevölkerungswachstum und Lebensmöglichkeiten führen:
Für Menschen in prekären Verhältnissen, in denen der Verlust der Arbeitsfähigkeit existenziell gefährdend erlebt wird, werden Geborgenheit in der Großfamilie und eine ausreichende Anzahl von Kindern lebensnotwendig. Archäische bzw. feudale Vorstellungen, nach denen Kinderreichtum auch Macht und Ansehen bedeutet, sind unter diesen Verhältnissen des Mangels kaum überwindbar.
Daraus leiten sich wesentliche Forderungen ab, die eine Korrektur gegenwärtiger internationaler Politik notwendig machen:
Kompromisslose Unterstützung aller Maßnahmen, die zu einer Verringerung des CO2–Ausstoßes führen, um regionale Katastrophen wie Desertisation und Überflutungen weiter Landstriche zuvorzukommen.
Eine Umkehrung der gegenwärtigen EU-Politik zu einer Politik, die Lebensräume mit ihren Ressourcen schützt, statt deren Ausbeutung mit Subventionen zu prämieren und diplomatisch zu unterstützen (siehe oben).
Erhalt und Förderung der Eigenversorgung in Mangelgesellschaften – statt Auslieferung an die Überschussproduktion des globalen Marktes ("Strukturanpassung")
Eine Entwicklungspolitik, die sich aus dem Zwangskorsett des IWF und der Weltbank emanzipiert und sich konzentriert auf Bildungshilfe, lokale Nutzung lokaler Ressourcen und Produkte sowie auf den Aufbau von effizienten Systemen der Sozial- und Krankenversicherung.
"Bevölkerungsüberschuss" ist die ideologische Umkehrung des Tatbestands des weltweiten Mangels an Gütern des Grundbedarfs. Dieser Mangel ist ungleich verteilt und zugleich verursacht durch die herrschenden Produktions- und Distributionsverhältnisse.
Im Zeichen der klimatischen Veränderungen ist eine Umkehr in der Wirtschafts-, Ökologie- und Entwicklungspolitik dringend notwendig.